Survival of the fittest, wenn man kein Teil der Familie ist
- Christian Schiede
- 22. März
- 3 Min. Lesezeit
Familienunternehmen zeichnen sich durch eine besondere Kultur aus – tiefe Loyalitäten, unsichtbare Hierarchien und eine enge Verzahnung von Unternehmens- und Familieninteressen.
Für Führungskräfte, die nicht zur Familie gehören, birgt dieses Umfeld Herausforderungen: Vertrauen muss hart erarbeitet werden, während informelle Machtstrukturen oft wichtiger sind als formale Organigramme.
Dieser Beitrag beschreibt sieben Überlebenstaktiken – von der Kunst der Diskretion über strategische Anerkennung bis hin zur neutralen Positionierung in familiären Konflikten. Wer diese Spielregeln beherrscht, kann langfristig erfolgreich sein, ohne den „passenden“ Nachnamen zu haben.
Familienunternehmen sind für ihre einzigartige Kultur berühmt und berüchtigt: tiefe Loyalität, generationsübergreifende Verantwortung – und eine oft unsichtbare Machtstruktur. Doch was bedeutet das für Führungskräfte, die nicht zur Familie gehören? Sie müssen in einem Umfeld bestehen, in dem familiäre Bindungen oft über formale Hierarchien dominieren. Nach über 20 Jahren Beratung von Familienunternehmen und Unternehmerfamilien haben wir einige Grundsätze identifiziert, die familienfremde Führungskräfte beherzigen sollten.
1. Verstehen Sie die „Räume“ im Unternehmen
Familienunternehmen lassen sich mit einem Haus vergleichen: In jedem Raum werden andere Gespräche geführt. Erfolgreiche externe Führungskräfte halten sich an diese unsichtbare Ordnung. Der „Management- und Führungsraum“ ist ihr Ort – hier gilt es, strategischen Weitblick und operative Exzellenz zu beweisen. Das „Familienzimmer“ hingegen bleibt der Familie vorbehalten.
Wer als Externer in familiäre Auseinandersetzungen verwickelt wird, verliert fast immer. Blut ist dicker als Wasser – und in Familienunternehmen ist das mehr als eine Redewendung.
2. Diskretion ist keine Option – sondern Überlebensstrategie
Führungskräfte in Familienunternehmen haben oft Zugang zu sehr privaten Informationen. Doch nicht Zurückhaltung, sondern absolute Diskretion ist gefragt. Während es in Konzernen „Power Plays“ gibt, werden in Familienunternehmen Vertrauensbrüche selten verziehen.
Die erfolgreichsten externen Manager wissen: Ihre langfristige Position hängt davon ab, als unparteiischer, vertrauenswürdiger Vertrauter zu gelten.
3. Kompetenz als Schlüssel zur inneren Zirkelbildung
Viele kritische Entscheidungen fallen außerhalb offizieller Meetings – beim Familienessen oder beim Sonntagsspaziergang. Hier haben familienfremde Führungskräfte meist keinen Zugang. Doch es gibt einen Weg hinein: absolute Exzellenz. Eine brillante Finanzanalystin wurde zur entscheidenden Stimme in einer Unternehmerfamilie – nicht, weil sie forderte, dabei zu sein, sondern weil sie so gut war, dass die Familie sie freiwillig einbezog.
4. Vermeiden Sie Stellvertreterkriege
Externe Manager sollten sich niemals mit einem einzelnen Familienzweig verbünden. Was kurzfristig wie ein Karriereturbo wirkt, kann langfristig ruinös sein. Familienkonflikte sind oft tief verwurzelt und können sich über Jahre erstrecken. Wer als Führungskraft Partei ergreift, wird schnell zum Bauernopfer, wenn die Machtverhältnisse sich verschieben. Unser Rat:
Neutralität wahren, Brücken bauen, niemals Partei ergreifen.
5. Die Kunst der subtilen Anerkennung
Wer als Externer in einem Familienunternehmen überleben will, sollte Erfolge niemals ausschließlich für sich beanspruchen. Stattdessen ist es klug, strategische Anerkennung zu verteilen. Wer einem Sohn vor seinem Vater hilft, sich als starker Leader zu profilieren, gewinnt seine Loyalität oft ein Leben lang.
Die besten familienfremden Führungskräfte schaffen es den Familienmitgliedern das Gefühl geben, selbst die Helden der Geschichte zu sein.
6. Unparteiische Außenstehende als Schutzmechanismus
Feedback-Kultur in Familienunternehmen ist kompliziert. Ein ehrliches Performance-Gespräch mit einem Gesellschafter, der eines Tages CEO werden könnte, birgt Risiken. Die Lösung: Externe Vermittler. Professionelle 360-Grad-Feedback-Systeme oder neutrale Vorstandsmitglieder können Kritik objektiv vermitteln, ohne dass sie direkt von der Führungskraft kommt. Dies schützt vor langfristigen Loyalitätskonflikten.
7. Kennen Sie Ihre Grenzen
Der wohl wichtigste Punkt: In einem Familienunternehmen gibt es oft eine natürliche Decke für familienfremde Führungskräfte. Selbst brillantes Management ersetzt keine Blutsverwandtschaft. Wer dies versteht und akzeptiert, kann strategischer planen und realistische Karriereziele setzen.
Führungskräfte, die sich früh bewusst sind, welche Positionen für sie erreichbar sind – und welche nicht –, vermeiden langfristige Frustration.
"Hands-on" und direkt, aber mit Fingerspitzengefühl
Erfolgreiche Führung in einem Familienunternehmen ist einerseits "hands-on" und direkt, aber erfordert gleichzeitig die Kunst der Balance. Es braucht den "Macher" mit strategischem Geschick, völliger Diskretion und die Fähigkeit, Erfolge so zu kommunizieren, dass die Familie sich stets im Mittelpunkt sieht.
Diejenigen, die diese Spielregeln meistern, können in Familienunternehmen eine außergewöhnliche Karriere machen – ganz ohne den „richtigen“ Nachnamen.
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